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Vortrag „Biodiversität“ von Dr. Heinz Klöser
Bliestorf, 25.03.2011

Definition

Biodiversität bedeutet:
- Vielfalt an unterschiedlichen Naturräumen,
- Vielfalt an Lebensgemeinschaften in diesen Räumen,
- Vielfalt an Arten in diesen Lebensgemeinschaften,
- Vielfalt an genetischer Variabilität dieser Arten,
- Vielfalt von ökologischen Wechselwirkungen.

Thesen und Fragen

Abschnitt 1

Thesen:
- Wir betrachten die Natur in der Regel als eine mehr oder weniger statische Grundlage; der jungfräuliche Urwald als Ausgangsbasis für alles, was danach kam. Die Dynamik des stetigen Wandels stellen wir dabei kaum in Rechnung.
- Wir neigen dazu, die „ursprüngliche“ Natur romantisch zu verklären, und sehnen uns nach der paradiesisch anmutenden „Freien Wildbahn“.
- Wir denken jedoch überwiegend, daß Wildnis in vollen Umfang in unserer Zeit nicht mehr wieder hergestellt werden kann.

Fragen:
- Können (und wollen) wir Wildniszonen wieder herstellen?
- Wenn ja, erlauben wir dann den Ablauf der natürlichen Dynamik, auch wenn es zu unerwarteten Erscheinungen kommt? Oder greifen wir doch ein?
- Würden wir wirklich alle großen Tiere, die bei uns Heimatrecht haben, wieder hier haben wollen? Oder akzeptieren wir Abstriche, weil „das heute nicht mehr geht“ (z.B. Bruno)?
- Haben wir zukunftsweisende, tragfähige Konzepte für die Koexistenz von großen Tieren und modernen Menschen?

Abschnitt 2

Thesen:
- Die Landwirtschaft hat die waldreiche Naturlandschaft zerstört. Sie bot auch den Anlaß für die Ausrottung von Auerochse, Wisent und Waldwildpferd.
- Gleichwohl hat die Landwirtschaft die Biodiversität unseres Raumes erheblich gesteigert, indem neue Lebensräume geschaffen wurden, in die vor allem Trockenheit liebende Arten aus dem Mittelmeerraum und aus den eurasischen Steppen einwanderten. Außerdem bildeten und bilden sich Arten auch vor Ort neu.
- Die Erhöhung der Biodiversität durch die Landwirtschaft ging dabei jedoch keineswegs auf einem schonenden Umgang mit der Natur zurück, sondern war ein Nebeneffekt einer intensivst möglichen, ausgefeilten Wirtschaftsweise.
- Daraus folgt: Extensive Bewirtschaftung gab es auch in der tradionellen Landwirtschaft nicht!
- Dessen ungeachtet entsprechen traditionelle, von Ackerbau und Viehzucht geprägte Landschaften in hohem Maße unserer Vorstellung des „Ländlichen Idylls“. Deshalb prägen sie weitgehend unsere heutigen Zielvorstellungen für den Naturschutz.

Fragen:
- Macht es Sinn, kulturbedingte Lebensräume wie Heiden, Magerrasen oder Feuchtwiesen zu schützen, wenn wir nicht auch die dem zu Grunde liegende Nutzungsweise aufrecht erhalten?
- Was ist eigentlich mit Nutzungsformen, die ganz aufgegeben wurden, wie zum Beispiel Schweinemast in Hudewäldern?
- Sollten wir nicht einen „musealen“ Ackerbau fördern, um die wilde Begleitflora und -fauna zu erhalten?
- Müssen wir wirklich alte und lokale(!) Haustierrassen in Spezialzoos verbannen, um sie zu erhalten? Oder gibt es für sie zwischen Charolais und Galloway doch noch eine echte Daseinsberechtigung?

Abschnitt 3

Thesen:
- Die moderne Landwirtschaft hat sich durch den Einsatz von Kunstdünger, Pestiziden und Maschinen aus traditionellen Mangelsituationen gelöst. Die darauf beruhende Sicherung der Ernährung kann und darf nicht in Frage gestellt werden.
- Jedoch ist die Landwirtschaft durch diese Entwicklung seit spätestens den 70ger Jahren in eine Phase der Überdüngung und Überproduktion eingetreten, die zu einer scharfen Konkurrenz unter den Landwirten und ökologisch zu einer Stickstoffverseuchung der Landschaft geführt hat. Diese wiederum gehört zu den größten Bedrohungen der einheimischen Biodiversität.
- Die scharfe Konkurrenz unter den Landwirten zwingt zu immer größeren, monotoneren Flurstücken, auf denen mit immer größeren Maschinen möglichst kostensparend gearbeitet werden kann. Ein horrender Strukturverlust in der Landschaft ist die Folge.
- Damit hat die Landwirtschaft einen Rollenwechsel vollzogen: Statt Biodiversität zu begünstigen wird jetzt Homogenität erzwungen. Ihre Funktion zur Gesunderhaltung der Ökosysteme hat sie damit verloren. Dem entsprechend sind alle Privilegien der Landwirtschaft gegenüber dem Naturschutz (Stichwort „Landwirtsschaftsklausel“) nicht mehr zeitgemäß und müssen zurück genommen werden.
- Die völlig andersartigen Produktionsweisen der modernen Landwirtschaft ziehen eine neuartige Begleitflora und -fauna nach sich, an der in hohem Maße Neophyten und Neozooen beteiligt sind. Da sie die Biodiversität der modernen Agrarökosysteme erhöhen, sollte ihre Rolle neu bewertet werden.
- Flächenfraß durch Bebauung, Versiegelung und Verkehr nehmen weiterhin in erschreckendem Maße zu. Gerade die Städte und Industrieanlagen bieten jedoch auf den dort verbliebenen Freiflächen Zufluchtsräume für Tiere und Pflanzen, die in der offenen Landschaft unter Druck stehen.

Fragen:
- Haben wir uns eigentlich schon einmal Gedanken über den Wert städtisch/industrieller Lebensräume für den Naturschutz gemacht?
- Ist es nicht an der Zeit, die bei uns inzwischen fest etablierte Ablehnung fremder Organismen in Frage zu stellen und die Neuzugänge in unserer Fauna und Flora objektiver zu beurteilen? Die meisten von ihnen sind nicht die Ursachen von Problemen, sondern eher Symptome dafür.
- Welche Argumente und Möglichkeiten haben wir, Landwirte dazu zu bewegen, kleinräumige Strukturen zu erhalten oder sogar neu zu schaffen?
- Wie können wir politischen Druck aufbauen beziehungsweise verstärken, um die stetige Vergiftung der Landschaft mit Düngemitteln, Fäkalien und Giften zu unterbinden.

Abschnitt 4

Thesen:
- Die jüngsten Tendenzen in der Landwirtschaft kombinieren Viehzucht unter Dach mit Futtermittelimporten aus Übersee. Die frei werdenden Kapazitäten in der Fläche werden zur Erzeugung von Bioenergie-Pflanzen, bei uns in erster Linie Mais, Raps und Grünroggen, genutzt. Im Rahmen dieses globalisierten Landbaus werden oft - wenn nicht überwiegend
1. Tiere unter qualvollen Bedingungen gehalten,
2. gewaltige Dungmengen produziert, deren weitere Verwendung nichts mehr mit Düngung, sondern mit Abfallentsorgung zu tun hat,
3. ausgedehnte Landstriche als Lebensraum für Pflanzen und Tiere völlig entwertet, im Falle der Grünroggenkultur sogar in regelrechte Wiesenvogelfallen umgewandelt,
4. in den Erzeugerländern der Futtermittel Wälder vernichtet, deren Biodiversität Höchstwerte erreicht, und damit deren Arteninventar ausgerottet,
5. durch Konkurrenz mit Anbauflächen für Lebensmittel deren Preise hochgetrieben, so daß in den Erzeugerländern Hungerprobleme verschärft werden,
6. bei uns nachwachsende Rohstoffe produziert werden, die keinen Beitrag zum Klimaschutz leisten, da der hohe Aufwand für die Erzeugung nur eine geringe Marge für eine positive Energiebilanz erlaubt, die unter Berücksichtigung der Energiekosten für die Futtermittelbereitstellung aus Übersee völlig in den negativen Bereich gerät.
- Biodiversitätsverluste in den Erzeugerländern gehen aufgrund weiterer Importe ebenfalls zu unseren Lasten; dazu gehören unter anderem Edelhölzer, Palmöl, Alkohol (als Alternativtreibstoff!).

Fragen:
- Die Forderung, lokal / regional produzierte Lebensmittel vorzuziehen, ist ja schon alt. Ist es nicht an der Zeit diese Forderung allgemein auf alle Produkte auszudehen und dabei sehr viel konsequenter vorzugehen?
- Wie können wir darauf hin wirken, daß unser Bedarf an Tropenholz endlich zurück geht. Ist es in diesem Zusammenhang nicht sinnvoll, einen Baum wie Robinie als Forstbaum zu akzeptieren, die ein gleichwertiges Hartholz zu liefern vermag, auch wenn sie ein Exot ist? Kann man es wirklich vertreten, als Alternative Einfuhren aus den nordischen Wäldern zu steigern?
- Sind Importe aus den Tropen oder von sonstwo dann akzeptabel, wenn sie ein Zertifikat aufweisen (Stichwort: „FSC“)?
- Wie kann man Politik und Landwirtschaft endlich dazu bringen, daß Nutztiere nicht einfach nur Vieh sind, sondern Anspruch auf gute Lebensbedingungen haben. Wie können wir Druck erzeugen, eine Bindung der Viehhaltung an regionale Futtermittelerzeugung zu erreichen?
- Wie kann eine Agrarindustrie eingedämmt werden, die unter dem Deckmantel des Klimaschutzes in kontraproduktiver Weise Biomasse herstellt, bei deren Erzeugung sowohl unser Land als auch Länder der Dritten Welt ökologisch geschädigt werden?
- Ist es nicht an der Zeit, deutlich daran zu erinnern, daß wir alle mit unserem Geld die Landwrtschaft unterhalten? Ist es nicht an der Zeit, deutlich daran zu erinnern, daß man erwarten kann, daß die Interessen derjenigen, deren Geld man nimmt, von denen, die es nehmen, auch ernst genommen werden?



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